27.11.2009 - Rede
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Damen und Herren,
eines der wichtigen Anliegen, die ich als Hessische Kultusministerin voranbringen will, wird in Europa unter der Überschrift Lebenslanges Lernen behandelt. Das heißt sehr konkret, Bildung von der Wiege bis zur Bahre, also durch das ganze Leben hindurch. Es geht darum, die Teilnehmerzahlen an Fortbildungsveranstaltungen, sowie die Dauer und Kontinuität der Weiterbildung von Erwachsenen deutlich zu erhöhen. Hier gibt es bei uns einen großen Nachholbedarf.
Dabei haben wir hier in Hessen gute Chancen, dieses überaus wichtige bildungspolitische Ziel zu erreichen. Es existiert eine reiche und vielfältige Landschaft von Anbietern im Bereich der Erwachsenenbildung. Auf der Basis des Hessischen Weiterbildungsgesetzes wird eine umfassende Zusammenarbeit gefördert. Durch HESSENCAMPUS schaffen wir die Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Erwachsenenbildung. Genau aus diesem Grund setze ich große Erwartungen in HESSENCAMPUS, weil hier gezielt und systematisch die Bildungsoptionen für Erwachsene in unserem Land und all seinen Regionen erweitert werden. Viele von Ihnen engagieren sich für HESSENCAMPUS. Dafür danke ich Ihnen.
Ich möchte die Gelegenheit dieses zweiten Jahresforums nutzen, um Ihnen aus meiner Sicht zu erläutern, welche bildungspolitische Bedeutung dieses Vorhaben hat, welcher Stand erreicht ist und was noch zu tun bleibt.
Die Bedeutung des Lebenslangen Lernens
In diesem Kreis heißt es ein wenig Eulen nach Athen tragen, wenn ich über die grundsätzliche Bedeutung der Bildung im Erwachsenenalter spreche. Lassen Sie mich dennoch die folgenden Punkte ansprechen: Der demographische Wandel führt dazu, dass die für die Wirtschaftskraft erforderlichen Innovationen nicht mehr nur von den gut Ausgebildeten in ihrer jungen Lebensphase zu erbringen sind. Das Potenzial der älteren Beschäftigten muss mehr genutzt werden.
Die Anstrengungen zur Integration von Migrantinnen und Migranten haben bisher weitgehend vor der Bildung Erwachsener Halt gemacht. Diese Gruppe wird aber immer größer, sie muss daher verstärkt einbezogen werden. Hier liegt ein wichtiges Aufgabengebiet für die in HESSENCAMPUS vereinten Kräfte. Jede Investition in kulturelle und sprachliche Förderung lohnt sich.
Der Anteil der Jugendlichen, die ohne Berufsausbildung bleiben, verharrt auf hohem Niveau - bei rund 15%. Wir haben zu viele junge Erwachsene, die nicht ausreichend qualifiziert und daher schlecht auf den sozialen und technologischen Wandel vorbereitet sind. Die Zahlen von jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 24 Jahren, die nach Bildungsmöglichkeiten suchen, arbeitslos sind oder in Maßnahmen der Bundesagentur stecken, sind immer noch zu hoch. Hier besteht nach wie vor Handlungsbedarf.
Die Lebens- und Berufsbiographien der Menschen werden vielfältiger. Immer mehr Menschen haben komplizierte Übergänge zu bewältigen, in die Ausbildung, in ein Beschäftigungsverhältnis, aus der Arbeitslosigkeit, aus der Familientätigkeit oder aus der Herkunftskultur. Deshalb brauchen wir vielfältige Bildungsangebote für die unterschiedlichen Bedürfnisse und Möglichkeiten.
Eine moderne wissensorientierte Gesellschaft braucht aktive Lerner, also Menschen, die sich immer wieder neu orientieren, die ihren Lebensweg auch als Bildungsweg begreifen und ihre Bildung selbst organisieren. Wir werden mit der Erwachsenenbildung nur weiterkommen, wenn wir das selbst organisierte Lernen stärker in den Vordergrund stellen. Vor diesem Hintergrund geht es darum, die Menschen dazu zu bewegen, sich weiterzubilden. Dies wird - davon bin ich überzeugt - nur erfolgreich sein, wenn wir an den Interessen und Bedürfnissen, den Erwartungen und Ängsten der Menschen und an ihren konkreten Lebensumständen stärker als bisher anknüpfen.
Die Erklärung zur Entwicklungspartnerschaft hat schon zu Beginn der Arbeit an HESSENCAMPUS eine Grundorientierung gegeben. Diese ist so einfach wie überzeugend. Dort heißt es: Die erwachsene Lernerpersönlichkeit soll im Mittelpunkt stehen. Lebenslanges Lernen erfordert die Orientierung an der Lernbiographie. Lehren und Lernen sind auf das übergreifende Ziel der Lebensgestaltungskompetenz auszurichten. Anschluss und Zugang sind durch Lebensweltnähe zu sichern.
Die Lernenden auf diese Weise in den Mittelpunkt zu stellen, dafür gibt es gute Gründe. Auf diese Weise kann nämlich erwartet werden, dass die Teilnahme an Bildung für sie attraktiv wird. Bildungsbeteiligung im Erwachsenenleben ist in der Regel freiwillig und verlangt ein hohes Maß an Motivation, Engagement und Selbstdisziplin. Bildung im Erwachsenenleben konkurriert mit anderen Lebensaufgaben, mit Arbeit und Familie, mit Fitness und Gesundheit, mit dem immer umfangreicheren Freizeit- und Medienangebot, aber auch mit den alltäglichen Sorgen der Lebensbewältigung.
Stand der Entwicklung
HESSENCAMPUS ist - davon bin ich mit den meisten von Ihnen einer Meinung - ein überzeugender Ansatz, Bildung für Erwachsene ganzheitlicher und attraktiver als bisher zu machen. Denn die Kernorganisationen - die Volkshochschulen, die Schulen für Erwachsene aber auch die Beruflichen Schulen - bringen gemeinsam ein breites Angebotsspektrum und qualifiziertes Potenzial ein. Damit können viele Bildungsbedürfnisse der Menschen aufgenommen werden. Dabei ist die berufliche Komponente unverzichtbar. Die Beteiligung der Beruflichen Schulen am Projekt HESSENCAMPUS sichert zugleich die enge Verbindung mit der Welt der Wirtschaft. Deshalb nehmen immer mehr Berufliche Schulen in Hessen auch pädagogisch von der klassischen Jugendschule Abschied. Selbstverantwortung plus unterstützt zugleich die notwendige umfassende Modernisierung beruflicher Schulen in den Bereichen Qualität, Organisation, Personal und Budget.
Die Schulen können mit Selbstverantwortung plus ihre neue Selbstständigkeit für die Vertiefung der Zusammenarbeit in HESSENCAMPUS nutzen. Alle Beteiligten im HC können zusammen mehr als jeder einzelne für sich allein. Dass damit auch Synergieeffekte erwartet werden, ist angesichts des Drucks, der auf den öffentlichen Haushalten lastet, keineswegs unwichtig. Dabei geht es aus unserer Sicht nicht nur um gemeinsame Bildungsberatung oder ähnliche unterstützende Bildungsdienstleistungen. Deren Wichtigkeit ist unbestritten. Es geht vor allem auch um gemeinsame Bildungsangebote, die die Kompetenzen der Menschen in einem breiten und ganzheitlichen Sinne weiterentwickeln. Moderne berufliche Kompetenzen und die Fähigkeit zur breiten Teilhabe an der Gesellschaft gehören für Erwachsene eng zusammen. Sie sollen deshalb auch, wo immer möglich, aus einer Hand und leicht zugänglich angeboten werden.
Erfolge können sich sehen lassen
Diesem Modell sind wir in den vergangenen drei Jahren durch die Entwicklungspartnerschaft HESSENCAMPUS ein gutes Stück näher gekommen. 2007 in acht Regionen begonnen, sind mittlerweile 16 Regionen aktiv beteiligt, sieben weitere befinden sich im Aufnahmeverfahren. In den heute schon aktiven regionalen Zusammenschlüssen sind weit mehr als 150 Einrichtungen involviert, darunter jetzt schon 35 berufliche Schulen, 9 Schulen für Erwachsene und 18 Volkshochschulen. Das Spektrum der beteiligten Einrichtungen schließt allgemein bildende Schulen, Bibliotheken, Wirtschaftsverbände, Arbeitsförderung, Regionalentwicklung und Jugendhilfe ein. Größere kommunale Bauvorhaben an verschiedenen Orten fügen sich in diesen Zusammenhang ein.
Mit dem Fokus auf die Region entstehen Verbünde über Bildungsbereiche und Träger hinweg. Tempo und Ausbreitungsgrad waren nach meiner festen Auffassung nur möglich, weil wir in Hessen einen besonderen Weg beschritten haben, nämlich den einer Entwicklungspartnerschaft zwischen dem Land sowie den Städten und den Landkreisen. Diese bringt die fundamentalen Interessen an Bildung im Erwachsenenalter, die beide unterschiedliche Verantwortungsbezüge haben, produktiv zusammen. Ich finde es sehr eindrucksvoll, wie stark sich Bürgermeister und Landräte für ihren HESSENCAMPUS engagieren. Kreise und Städte dokumentieren damit ihren Gestaltungswillen für ihren Standort und verstärken damit die Bildung in ihrer Region. Auf diese Weise wurden die Voraussetzungen eines strategischen Bündnisses für das Lebenslange Lernen geschaffen. Die Arbeit vor Ort und zugleich in landesweiter Koordinierung - unterstützt durch die wissenschaftliche Begleitung - trägt Früchte.
Einige Highlights der bisherigen Entwicklungs- und Aufbauarbeit will ich kurz erwähnen. Fast überall ist eine gemeinsame, Einrichtungsübergreifende und mit den Angeboten der Partnerorganisationen verbundene Bildungsberatung auf den Weg gebracht worden. Unter der Marke von HESSENCAMPUS hat eine gemeinsame Bildungswerbung- und Bildungsberatung für unterschiedliche Zielgruppen angefangen. An zahlreichen Standorten werden Anschlüsse und Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Arbeitswelt koordiniert.
In einem HESSENCAMPUS ist von beruflichen Schulen, Betrieben, den Kammern und der Arbeitsagentur eine Kooperation aufgebaut worden. Es ist dabei gelungen, die Zahl der Ausbildungsabbrüche deutlich zu reduzieren. Einige Initiativen entwickeln Einrichtungsübergreifend eine gemeinsame Gesundheitsförderung für Jugendliche und Erwachsene. Gesundheitstage und gemeinsame Fortbildungen werden organisiert. Dort, wo verschiedene Einrichtungen gemeinsam in räumliche Zentren zusammenziehen, werden Räume, Maschinen und Medien gemeinsam genutzt. Im Rahmen des HESSENCAMPUS sind viele gute Konzepte aufgenommen und erprobt worden. Die Bereitschaft, sich auf Innovationen und neue Wege einzulassen, hat deutlich zugenommen.
Wie soll es weitergehen?
Das Land Hessen hat bislang mehr als 7 Millionen Euro Fördermittel in die nun beendete erste Aufbauphase investiert. Das war schon bislang keine geringe Fördersumme. Sie signalisiert die hohe Bedeutung der Erwachsenbildung in Hessen. Zu dieser Summe sind noch die Mittel der Städte und Landkreise und die faktischen Beiträge durch kostenlose Mitarbeit dazu zu rechnen. Erst dann erhält man ein Gesamtbild. Das heutige Jahresforum ist eine gute Gelegenheit für mich, Ihnen zu erläutern, wie es aus meiner Sicht - aus der Sicht der Landesregierung - mit HESSENCAMPUS weiter gehen soll. Der Zusammenschluss verschiedener Bildungsträger, angestoßen und gefördert durch die Landesregierung, muss in überschaubarer Zeit beweisen, dass er ohne zusätzliche finanzielle Förderprogramme des Landes auskommt und wird dazu - da bin ich sicher - auch in der Lage sein.
Die Landesregierung geht davon aus, dass die gesonderte Aufbauförderung, die ja schon seit 2007 gewährt wird, vorrausichtlich im Jahre 2013 endet. Mit der Fortsetzung der Förderung bis dahin soll ermöglicht werden, dass das anspruchsvolle und neue Modell zu Ende entwickelt wird. Es soll erreicht werden, dass es auf alle Regionen transferiert und in der Regelstruktur verankert wird. Im Haushaltsentwurf 2010 stehen weitere 2,9 Millionen Euro zur Verfügung. Am Ende des Aufbauzeitraums wird das Land dann insgesamt mehr als 15 Millionen Euro investiert haben. Sie können sich vorstellen, dass es nicht leicht war, dies zu erreichen. Dass dies in der heutigen Haushaltssituation gelungen ist, ist auch ein Zeichen für den hohen politischen Stellenwert von HESSENCAMPUS. Ab 2010 soll die Verbundorganisation HESSENCAMPUS mithilfe der Förderung auf eigenen Beinen stehen können. Damit werden die Startinitiativen dazu verpflichtet, spätestens in drei Jahren ihren Aufbau abgeschlossen zu haben; die neuen Initiativen haben noch vier Jahre Zeit. Diese - gegen Ende degressive - Förderung des Landes bis 2013 soll sicher stellen, dass der Aufbau von HC erfolgreich abgeschlossen werden kann.
HESSENCAMPUS legt den Grundstein für ein Lebenslanges Lernen
Ich selbst sehe HESSENCAMPUS als eine Verbundorganisation von Bildungseinrichtungen. Diese arbeitet im öffentlichen Auftrag systematisch an der Erhöhung der Bildungsbeteiligung von Erwachsenen. Die am Verbund beteiligten Bildungseinrichtungen widmen sich weiterhin ihren Kernaufgaben. Sie öffnen sich zugleich stärker jenen, die bisher abseits von Bildung gestanden oder nur punktuell Bildung nachgefragt haben. Sie verknüpfen ihre Potenziale für das Ziel, dass immer mehr Menschen am Lebenslangen Lernen teilnehmen.
Mit einer effizienten Organisation müssen wir sicherstellen, dass die Ziele von HESSENCAMPUS als gemeinsame Querschnittsaufgabe verwirklicht werden können. Der Verbund kann in unterschiedlichen Rechtsformen z. B. als Zweckverband oder als gemeinnützige GmbH eingerichtet werden; das ist unter Berücksichtung regionaler Bedürfnisse und Besonderheiten zu entscheiden. Kooperationsvereinbarungen zwischen dem Land, den beteiligten Städten und Landkreisen sollen künftig den Rahmen für den Abschluss der Aufbauphase und die Überführung in den Bildungsalltag abgeben. Beides muss zügig gemeinsam geklärt und auf den Weg gebracht werden.
Wir wollen über Kooperationsvereinbarungen zwischen dem Land sowie den beteiligten Kreisen und Städten die Entwicklungspartnerschaft vertiefen und erweitern. Natürlich werde ich dies auch dem Hessischen Landkreis- und dem Hessischen Städtetag auf diese Weise kommunizieren. Den Spitzengremien der Kommunen habe ich meine Absicht für eine strategische Partnerschaft auch in diesem Feld bereits dargelegt.
Das Land hat eine herausgehobene Verantwortung für Bildung und die Bildungsqualität. Dieser Verantwortung werde ich auch bei HESSENCAMPUS verlässlich und dauerhaft nachkommen. Wir haben uns gemeinsam ein hohes und anspruchsvolles Ziel gestellt. Wir wollen die Bildung der Erwachsenen systematisch fördern. Wir wollen HESSENCAMPUS als einen Knotenpunkt des Lebenslangen Lernens in den Regionen und landesweit aufbauen. Wir wollen die Zusammenarbeit in der gesamten pluralen Weiterbildungslandschaft ausbauen und vertiefen.
Wir werden Erfolg haben, wenn wir - wie es das Motto dieses Jahresforums zum Ausdruck bringt - partnerschaftlich zusammenarbeiten.
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